Von Facebook und so…

Dass eine allzu lockere Handhabung von Facebook nicht gerade die Privatsphäre fördert, weiss ich nicht erst seit gestern. Über die Reichweite dieser Auswirkungen (und gerade in einer Nicht-Millionenstadt wie Bern) bin ich mir jedoch erst letzte Woche bewusst geworden. Angefangen hatte alles damit, dass mir ein Freund vor einiger Zeit von seiner neuen Flamme vorschwärmte. Sonja war ihm zufolge DIE TRAUMFRAU! Sie studierte mit David an der Uni, hatte grosse, braune Rehaugen, die verschmitzt unter einem Pony hervorblickten und langes, glattes, hellbraunes Haar. Das einzige Problem an der ganzen Geschichte war, dass Sonja sich nicht besonders für Dave zu interessieren schien und sich an Partys lieber mit seinen Freunden amüsierte. Ich kannte Sonja nicht und vielleicht fragt ihr euch jetzt, woher ich von den Rehaugen und dem Pony weiss… Von Facebook natürlich! Denn noch während mir Dave per Facebook-Chat von Sonja vorschwärmte, und ich mir verständnisvoll sein Leid anhörte, bzw. anlas, hatte ich sie auch schon unter seinen Freunden entdeckt und mich in sekundenschnelle und sehr routiniert durch ihre Facebook-Bilder geklickt. Ein Selbstportrait vor dem Spiegel. Ein Urlaubsbild in einer tropischen Umgebung. Ein professionelles Bild in einem Fotostudio. Aha, so eine war das also! Ausserdem mochten wir beide denselben Musiker und hatten dasselbe Café in der Innenstadt geliked. Nun wage ich zu behaupten, dass ich keine besonders voyeuristischen Züge besitze, sondern mir Facebook im Alltag einfach zu Nutzen mache, um mich in der Welt besser zurechtzufinden. Und ich wage auch zu behaupten, dass 90% der Facebook-Nutzer dasselbe tun. Ausserdem dauerte die Aneignung dieser Infos nicht länger als ein Bankraub in einem Hollywoodfilm und war im Gegensatz dazu auch überhaupt nicht spektakulär. Denn die Informationen waren alle frei zugänglich. Was ich jedoch nicht erwartet hätte, war, dass diese kleine Spionageaktion tatsächlich ausreichen würde, um sie, Sonja, Wochen später im rappelvollen Bus wiederzuerkennen. Doch das war tatsächlich so. Sonja hatte sich mir gegenüber den letzten, freien Sitzplatz ergattert und wenn ich Lust auf Smalltalk und verdutzte Gesichter gehabt hätte, hätte ich sie fragen können, wie es denn so mit Roger lief (David zufolge ihrem neusten Verehrer und einem sehr präsenten Gast in ihrer Facebook-Wall), wo genau sie im Urlaub gewesen war und bei welchem Fotografen sie ihre Bilder machen liess. Ob sie auch fand, dass die neuen Zucchetti-Omelette im „La Chouette“ etwas fade schmeckten und was sie von Chet Fakers neuester Single hielt. Doch ich begnügte mich mit der alleinigen Möglichkeit dieser Option und beschloss, dass dies zwar witzig wäre, jedoch nicht der richtige Ort für eine solche Aktion war. Sonja ahnte von all dem nichts und sah stattdessen gelangweilt aus dem Fenster – machte sie sich denn gar keine Gedanken darüber, wie Dave sich fühlte?! Plötzlich bemerkte ich links von mir den Blick einer jungen Frau, die mich freundlich musterte. „Du bist doch eine Freundin von Yasemin“, meinte sie, als sie den fragenden Ausdruck in meinem Gesicht bemerkte. „Ich bin ihre Cousine.“ Und dann etwas verlegen: „Sie hat Dich letzte Woche auf ihrer Geburtstagsparty getagged, leider konnte ich nicht mit dabei sein…“ Aha. Danke Facebook, nicht nur für den theoretischen Raub meiner Privatsphäre, sondern auch dafür, dass ich mich nun im realen Leben, an einem realen Ort, in einem öffentlichen Verkehrsmittel so damit auseinandersetzen muss.

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Albina Muhtari
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