„Schatz!“

Eigentlich mag ich keine Extrempositionen. Weder in Bezug auf Politik, noch in Bezug auf irgendwelche Weltanschauungen oder Ideologien. Doch in regelmässigen Abständen werde ich bei meiner Arbeit Zeugin bestimmter, nennen wir sie mal „Selbstverständlichkeiten“, die eine sehr emotionale Ader stärker in mir pochen lassen. Einige würden diese Ader als feministisch bezeichnen. Ich würde schlichtweg zu „Gerechtigkeitsader“ tendieren. 

Wie vor Kurzem. Da sprach mich ein Kunden-Ehepaar im grossen, blau-gelben Einrichtungshaus (in dem ich arbeite) an, auf der Suche nach einem passenden Fernsehmöbel. Nach einigen Abklärungen schlug ich den beiden verschiedene Modelle auf der Verkaufsfläche vor. Eines in hochglanzschwarzer Optik hatte es dem Herrn besonders angetan. Seine Frau hingegen schien gar nicht begeistert davon: „Nei Schatz, das geit jiz gaaar nid! Wöu schlussändlech bi ig när die wo d’Taupe ufem Möbu muess abputze!“ Der Herr liess sich nicht beirren und die Diskussion war entfacht. Ich konnte es mir nicht verkneifen, mit diplomatischer Vorsicht anzumerken, ein guter Kompromiss wäre es doch, dass der Herr sein Möbel zwar haben darf, allfällige Fingerabdrücke jedoch selber abwischt. Nein, das fand er dann doch keine so gute Idee und die beiden entschieden sich für dasselbe Möbel – in weiss. Einige Tage später dann ein ähnliches Szenario: Ein Ehepaar kann sich nicht entscheiden, ob es ein Fernsehmöbel mit oder ohne Beine haben will. „Schatz“, meint der Mann eifrig und mit gar nicht so böser Absicht. „Das mit de Bei isch viu gäbiger – da chasch guet drunger sugere! Z angere Möbu muesch di ganz zyt hin und här schiebe!“ Sie schaut ihn an, als hätte er soeben den Nobelpreis gewonnen und ich stehe etwas verdutzt daneben und verstehe die Welt nicht mehr.

Erstens: Müssen muss (auch) frau nichts. Und zweitens geht es nicht darum, Hausarbeit in irgendeiner Art und Weise zu entwerten. Es gibt bestimmt Frauen, die gerne kochen, staubsaugen, (ab)waschen und –wischen; nicht zu vergessen, dass die traditionelle Arbeitsteilung auch in der Schweiz immer noch gesellschaftlich dominant ist und viele Männer immer noch als Brötchenverdiener ihren Beitrag für die Familie leisten. Alles schön und gut! Und trotzdem: Studien der OECD belegen, dass Frauen auch dann erheblich mehr unbezahlte Arbeit leisten, wenn sie berufstätig sind und auch in Haushalten, wo ausschliesslich Frauen die Brötchen verdienen (und der Mann alle Zeit der Welt hätte, sich um Staub und Fingerabdrücke zu kümmern), frau im Durchschnitt immer noch mindestens die Hälfte der Hausarbeit übernimmt.

Warum ist es so selbstverständlich, dass Frauen noch immer den allergrössten Teil der Hausarbeit leisten – auch wenn sie berufstätig sind? Warum ist Waschmittelwerbung auch im 21. Jahrhundert und im Zeitalter der Single-Haushalte immer noch weiblich? Und warum findet das jeder (und jede) normal? Warum wird in Medien und Politik über Scheinprobleme wie ein angeblich notwendiges Burkaverbot debattiert (ich persönlich habe überhaupt erst einmal im Leben eine Burka-Frau gesehen…) und verhältnismässig wenig darüber, dass rund 90% der Frauen im Berufsleben auch bei gleicher Leistung schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Arbeitskollegen? All dies macht mich ganz wütend und am liebsten würde ich als Zeichen des weiblichen Widerstands und nach Vorbild des Schuhwerfers von Bagdad einen rosa Pump in Richtung meines Dozenten werfen, der uns all diese Statistiken so scheinbar schamlos präsentiert. Doch erstens trage ich gar keine rosa Pumps und zweitens kann der Arme ja (vielleicht?) gar nichts dafür. Die Kommilitonin neben mir versteht meine Aufregung nicht und meint gelassen: „Aso mir macht das Ganze nüt uus. I möcht sowieso ke Karriere mache.“ Na dann ist ja alles klar.

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Albina Muhtari
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