Pendler steigen über Sterbenden in S-Bahn

In einer S-Bahn Richtung Burgdorf verstarb am Donnerstagabend ein Mann an einem Herzinfarkt. Eine Augenzeugin macht dem Bahnpersonal Vorwürfe.

Schock für die Passagiere der S44 Bern Richtung Burgdorf: Kurz vor der Ankunft am Bahnhof Burgdorf kippte am Donnerstagabend ein 59-jähriger Fahrgast im Zug um. Drei Fahrgäste begannen unmittelbar mit der Reanimierung des Bewusstlosen. Vergeblich – laut der Kapo Bern stellte eine Notärztin noch vor Ort den Tod des Mannes fest.

Eine Leser-Reporterin, die auf die Ankunft der S-Bahn wartete, macht dem Bahnpersonal nun Vorwürfe: «Die Tür des Zuges ging auf und ein Mann lag mit nacktem Oberkörper am Eingang. Einige Passagiere waren daran, eine Herzmassage durchzuführen», so die Frau, die anonym bleiben will. «Die Helfer riefen hinaus, ob es irgendwo im Bahnhof einen Defibrillator gäbe und ich bin zum SBB-Schalter gerannt und habe an die Tür geklopft.»

Kein Defibrillator zur Verfügung

Dort hätte der anwesende Angestellte keine Ahnung gehabt, ob oder wo sich ein Defibrillator am Bahnhof befinde. «Als ich kurz darauf den Angestellten anwies, die Zugtür zu arretieren, da sie durch das Schliessen die Helfer behinderte, meinte er, dass er das nicht könne und der Lokführer der BLS dafür zuständig sei.»

Von diesem sei jedoch weit und breit nichts zu sehen gewesen. Auch als die Ambulanz vor Ort eingetroffen sei, habe das Bahnhofpersonal nicht geholfen: «Deshalb half ein Fahrgast in Militäruniform, die zahlreichen Leute aus dem Zug zu bringen», erzählt die Lesereporterin. Weiter seien Pendler über den Bewusstlosen hinweggestiegen und hätten sich beschwert, dass der Zug eine Verspätung erhalte. Die junge Frau ist noch immer erschüttert: «Ich könnte weinen über so viel Gleichgültigkeit.»

SBB widerspricht

Der Darstellung der Augenzeugin widerspricht SBB-Sprecher Christian Ginsig: «Wir hatten um 17.11 Uhr einen internen Alarm ausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt war die Sanität bereits unterwegs zum Bahnhof. Eine Minute später kümmerte sich ein speziell für solche Notfälle zuständiger Mitarbeiter vor Ort.» Dieser habe auch «Gaffer wegweisen und den Weg für die Ambulanz sichern» müssen, damit die Sanitätsleute mit der Betreuung des Patienten beginnen konnten.

Ginsig versteht die Aufregung der 32-jährigen Helferin, betont jedoch: «Das Ganze ist grundsätzlich richtig abgelaufen. Unsere Mitarbeiter waren vor Ort und haben die Einweisung der Sanität begleitet, damit sich diese um den Patienten kümmern konnte.» Theoretisch hätte der zuständige SBB-Mitarbeiter einen Defibrillator bei sich gehabt, aufgrund des sehr schnellen Eintreffens der Ambulanz sei dieser jedoch nicht zum Einsatz gekommen.

Augenzeugin fordert Defibrillatoren an allen Bahnhöfen

Einen öffentlich zugänglichen Defibrillator gebe es am Bahnhof Burgdorf allerdings nicht. «Die Geräte sind aber an grossen Bahnhöfen bei geschulten Mitarbeitern griffbereit deponiert, damit diese rasch und schneller als ungeübte Laien eingreifen könnten. Zudem entfällt dadurch die Suche nach dem Gerät», so Ginsig weiter. Die Augenzeugin ist darüber schockiert und fordert: «Jeder Bahnhof sollte mit einem Defibrillator ausgerüstet sein und die Mitarbeiter gehören geschult.»

Die BLS, in deren Zug sich das Unglück ereignete, betont, dass der Lokführer den Bahnhof Burgdorf möglichst schnell ansteuerte. Zudem habe er am Bahnhof die Eingangstüren des betroffenen Zuges arretiert.

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