Kusskultur

Ich muss an dieser Stelle einmal etwas Dringendes loswerden und bei all der mit meinem Anliegen verbundenen Dynamik, sehe ich keine andere Möglichkeit, als dies schriftlich zu tun: Leute, ich mag es wirklich, wirklich nicht, wenn man mich küsst. 

Dabei meine ich keine Mutterküsse und auch nicht Küsse vom Schatz. Gemeint sind die 1-2-3-Wange-an-Wange-Schmatzer, die mir Bekannte oder auch weniger Bekannte manchmal schon beim ersten Kennenlernen mit solch einer Dynamik und Motivation aufdrücken, dass es fast schon an Gewalt grenzt. Ok, Gewalt vielleicht nicht gerade, doch angsteinflössend kann das schon sein und sich wehren ist im Eifer des Gefechts nicht nur zwecklos, sondern würde auch irgendwie doof rüberkommen. Denn Küssen ist ein Muss. Es ist in. Es ist chic. Was früher der Handkuss vom Herrn für die Dame war, ist im Zeitalter der Gleichberechtigung der 1-2-3-Wangen-Schmatzer. Küssen grenzt sich vom kühlen, geschäftlichen Händedruck ab und vermittelt eine gewisse Nähe. Es ist ein Begrüssungs- und Abschiedstanz mit vorgegebener Choreografie, der mich jedoch ganz unbeholfen wirken lässt, weil ich ihn eigentlich nicht mittanzen mag. Ganz schlimm ist es, wenn man sich aufgrund von kulturellen oder sogar regionalen Unterschieden über die Choreografie nicht einig ist. Dann denkt man, der andere küsst drei Mal, stattdessen sind es zwei, und der eigene dritte Kuss geht ins Leere, oder noch schlimmer, landet irgendwo, wo er nicht landen sollte, weil die Person gegenüber mit der Choreografie schon fertig ist. So gibt’s in Deutschland zwei, in der Schweiz drei und in den Balkanstaaten, wo ich ursprünglich herkomme, je nach Region entweder (und quasi unbeschränkt…) eine gerade oder ungerade Anzahl Küsse (und wehe man tanzt nach der gegnerischen Choreografie – dann gibt’s Krieg!). Ich frage mich: Weshalb der ganze unnötige Stress? Auch auf die Gefahr hin als asozial und kussophob abgestempelt zu werden, plädiere ich dafür, dass Küssen, in welcher Form auch immer, wieder als etwas Intimes betrachtet und von seinem automatischen Mechanismus befreit wird. Es sollte eine gewisse Zustimmung erfordern, sei es auch nur in einem kurzen Augenblick des Zögerns, der es dem Gegenüber erlaubt, die Einladung zum Tanz anzunehmen oder auch abzulehnen – ohne dafür verurteilt zu werden. Und überhaupt: Was ist an einem freundlichen Händedruck schon auszusetzen? Bei Leuten, die auf eine gewisse Dynamik nicht verzichten können, wäre ich sogar bereit, mich auf einen kreativen Gangsta-Handshake einzulassen – und da seht ihr, wie weit ich gehen würde, um kussfrei durchs Leben zu kommen!

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Albina Muhtari
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