Kunstprojekt will Kinder an Fremde abgeben

Sein Kind für 48 Stunden in die Obhut wildfremder Leute geben: Was wie der Albtraum aller Eltern tönt, ist ein Experiment des Kunstprojekts Transform im Berner Bollwerk.

Ein ungewöhnliches Projekt startet am 6. Februar im Berner Bollwerk. Dort dürfen Eltern ihre Kinder im Alter zwischen einem und zwölf Jahren in die Obhut möglichst vieler, wildfremder Menschen geben. Ziel ist es, Kindern zu vermitteln, dass von Fremden nicht gleich Gefahr ausgeht.

Das Experiment findet im Rahmen des Kunstprojekts Transform statt, das von der Stadt Bern subventioniert wird. «Die Eltern können ihre Kinder während 48 Stunden jederzeit in unserem Atelier abgeben», erklärt Mitinitiantin Lian Stähelin. «Gleichzeitig können sich Fremde melden, die gerne Kontakt zu Kindern hätten.»

Fremde bekommen Kind per Nummer zugeteilt

 Eine Kinderkrippe soll das Projekt jedoch nicht werden – ablaufen solle es «eher wie bei der SBB», sagt Stähelin. So würden die «Fremden» eine Nummer ziehen und müssten dann auf einer Bank sitzend auf «ihr» Kind warten. Wird ihnen ein Kind zugeteilt, könnten sie sich mit ihm beschäftigen.

Viele Hilfsmittel stehen den Teilnehmern dabei nicht zur Verfügung. «Es ist primär ein Raum, wo es um die Beziehung gegenüber einer fremden Person geht», sagt Mitinitiant San Keller. Ob ein Kind dann primär Geschichten hören, singen oder raufen wolle, würde man dann sehen. «Da der Raum ein grosses Schaufenster hat, läuft alles sehr transparent ab. Zudem sind wir drei Initanten stets vor Ort», fügt Stähelin hinzu. «Sollten wir eine Situation beobachten, die uns unangebracht erscheint, schreiten wir natürlich ein.»

«Wir hoffen, dass die negative Grundeinstellung, wonach der Fremde immer gefährlich ist, irgendwann verschwindet und die Kinder davon profitieren können», so Stählin. «Natürlich können Fremde gefährlich sein, doch die Gefahr sollte stets in einen realistischen Rahmen gesetzt werden.»

«Kinder verbringen die meiste Zeit im Kinderzimmer»

Dass Kinder im Vergleich zu früher stärker behütet werden, kann Urs Kiener, Jugendpsychologe der Pro Juventute, bestätigen: «Es ist nachgewiesen, dass Kinder heute die meiste Zeit in ihrem Kinderzimmer verbringen. Das hat tatsächlich etwas mit einem starken Sicherheitsbedürfnis der Eltern zu tun, andererseits aber auch damit, dass die Verfügbarkeit des öffentlichen Raums immer kleiner und stärker reglementiert wird.»

Im Kunstprojekt sieht Kiener eine Analogie an etwas, das früher ganz natürlich gewesen sei: «Früher war es selbstverständlich, Kinder in die Obhut von Jugendlichen zu geben, etwa von Jugendverbänden.»

Grösseres Misstrauen

Zudem würde das Projekt eine weitere Problematik ansprechen, die häufig an Schulen oder in Sportvereinen zu beobachten sei: «Die öffentliche Atmosphäre ist stark von Misstrauen geprägt», sagt Kiener. Dies sei vor allem bei Schul- und Sportpersonal ein Problem. «Heute darf man als Erwachsener einem Jugendlichen oder Kind des anderen Geschlechts beim Sportunterricht kaum helfen, ohne in Verdacht zu kommen, pädophil zu sein. Es ist heute bereits verdächtig, wenn ein Trainer vor dem Trampolin steht, um den Kindern zu helfen», so Kiener gegenüber 20 Minuten.

«Wir sind uns bewusst, dass das Projekt an die Grenzen der Realisierbarkeit stösst», sagt San Keller. «In unserem Projekt geht es darum, Eltern konkret mit solchen Grenzen zu konfrontieren. Ob sie sich darauf einlassen, ist eine andere Frage.»

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