Kult-Kleiderverleih verhökert seine Schätze

Der drittgrösste Kostümverleih der Schweiz in Gümligen schliesst seine Pforten. Fasnächtler können noch bis Mitte März die letzten Roben ergattern.

Es ist ein Ort, der Fasnächtlerherzen höher schlagen lässt: Fast 20 Jahre lang nähte Rosita Lier für ihren Kleiderverleih in Gümligen Kleider und Kostüme. Nun schliesst die 66-Jährige ihren Kultladen und hat bis Mitte März noch 1500 Kostüme zu verkaufen.

«Ich zog vor rund einem Jahr in diese Liegenschaft, doch nun beansprucht die Gemeinde den Raum für sich», sagt Rosita Lier. Nachdem die 66-Jährige ihren Laden mit den über 5500 Kostümen bereits vor einem Jahr zügeln musste, sei es nun an der Zeit aufzuhören. «Wir haben für den Umzug damals 20 Lastwagen gebraucht», sagt Lier. «So einen Aufwand kann ich nicht noch einmal betreiben – und irgendwann hat auch alles mal ein Ende.»

Keine Sicht auf den Fernseher

Angefangen hat Rosita Liers Leidenschaft an einer Schulaufführung ihrer Tochter, deren Kostüm sie nähte. Als ihre Tochter begann, im Stadttheater zu spielen, sollte Rosita Lier auch dort aushelfen. «Am Schluss war ich sechs Jahre lang im Theater und habe dort viel gelernt. Und dann habe ich mir gedacht, das kann ich auch.» Lier machte zu Hause mit dem Nähen weiter. Als ihr Mann vor lauter Kostümen keine freie Sicht mehr auf den Fernseher hatte, schlug er vor, sie solle sich doch einen Laden suchen.

Rund 20 Jahre und 5500 Kostüme später hat die 66-Jährige «vom Feigenblatt bis in die heutige Epoche» alles Mögliche in ihrer Sammlung. Ihr Kostümverleih ist zum drittgrössten der Schweiz angewachsen. Die Kleider haben Rosita und ihre Mitarbeiterinnen selbst genäht: «Das Ganze war eine Herzensangelegenheit. Ich musste immer wieder Durststrecken überwinden und schauen, dass ich meine Mitarbeiterinnen bezahlen konnte», erzählt Rosita Lier aus dem Nähkästchen. «Mit der Zeit wurde ich allerdings bekannter und kleidete sogar Bundesräte, Botschafter und Politiker ein.»

Russische Minister eingekleidet

So etwa die gesamte russische Botschaft anlässlich des Besuchs des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. «Das Botschaftspersonal in Bern kam in den Laden und wir suchten passende Smokings für den Empfang aus. Zwei Minister von Medwedew riefen zudem direkt aus Russland an, und mir ihre Masse angegeben.» Ihnen brachte Lier die Smokings direkt ins Hotel Bellevue, wo sie sie von Bodyguards bewacht anprobieren mussten. «Glücklicherweise hat alles wie angegossen gepasst», sagt Lier.

In den zwanzig Jahren hätten sich unendlich viele interessante, aber auch kuriose Begegnungen ergeben, erzählt die Kostümmacherin. «Einmal kam ein junger Mann, der sich so verkleiden wollte, ‹dass man ihn nicht mehr erkennt›. Er hatte vor, seiner Freundin hinterher spionieren, die immer viel zu spät nach Hause kam.» Es sei gekommen wie befürchtet, sagt Lier. Der Mann hätte seine Freundin und ihren Liebhaber auf frischer Tat ertappt. Danach wäre er noch einige Male wiedergekommen. «Ich denke, er hat seinen Plausch daran gefunden, andere Leute zu beobachten.»

Der Liquidationsverkauf läuft noch bis zum 15. März.

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