Junge lassen betrunkene Gschpänli im Stich

Junge, die im Ausgang zu tief ins Glas geblickt haben, finden sich vermehrt allein im Spital wieder. Ihre Freunde rufen lieber die Sanität, als sie nach Hause zu bringen.

Immer häufiger werden betrunkene Jugendliche im Ausgang von ihren Gschpänli im Stich gelassen. Anstatt die betrunkenen Kollegen nach Hause zu bringen, zücken viele Jugendliche das Smartphone und rufen die Ambulanz. Thomas Rohrbach von der Sanitätspolizei bestätigt den Trend: «Das gab es zwar bereits früher, heute ist dies aber noch viel öfter der Fall. Liegt ein Jugendlicher im Ausgang ab, rufen Freunde häufig die Sanitätspolizei. Wenn wir am Einsatzort eintreffen, sind die Anrufer oft nicht mehr da.»

Die Gründe für das Verhalten sind vielfältig: «Aus Angst vor Ärger trauen sich viele Betrunkene und deren Freunde nicht, die Eltern zu kontaktieren. Kommt jedoch die Rechnung der Ambulanz ins Haus geschneit, sorgt das für doppelten Ärger», so Rohrbach. Ein anderer Grund sei die Tatsache, dass mittlerweile beinahe jeder Jugendliche ein Smartphone besitze. «Das Telefon zu zücken und die Sanität anzurufen, ist für viele Jugendliche der einfachste Weg.»

«Viele Jugendliche sind verwöhnt»

Allan Guggenbühl, Zürcher Psychologe und Experte für Jugendgewalt, redet diesbezüglich von einer «Verantwortungsdiffusion», die in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig sei. «Viele Menschen gehen mit dem Motto «irgendjemand schaut dann schon» durchs Leben», so Guggenbühl. Ausserdem sei bei vielen Jugendlichen das «Verwöhnungssyndrom» zu beobachten: «Durch den Wohlstand, die soziale Sicherheit und die ewige Ausbildung sind viele Jugendliche verwöhnt. Sie haben weniger Verpflichtungen und können frei konsumieren. Geschieht in ihrem Alltag etwas Unerwartetes, gehen sie davon aus, dass ihnen ein anderer die Arbeit abnimmt.»

Die Kosten für die Ambulanz würden in den meisten Fällen die Krankenkassen übernehmen. Diese belaufen sich pro Einsatz zwischen 800 und 1000 Franken. «Ist jemand bewusstlos, hat das für uns Dringlichkeit Nummer 1. Wir rücken dann mit derselben Equipe aus, wie bei einem Herzinfarkt», erklärt Thomas Rohrbach von der Sanitätspolizei. Nach Hause gebracht werden betrunkene Personen jedoch nicht. «Wenn den Patienten dort etwas passiert, wollen wir das nicht verantworten.»

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