Film porträtiert Liebeskranke im Big Apple

Der Solothurner Christian Frei ist einer der international erfolgreichsten Dokumentarfilmer. In seinem neuen Werk geht er einem der quälendsten Gefühle nach: dem Liebeskummer.

«Liebe ist das Beste auf der Welt – bis sie vorbei ist»: So umschreibt der 2002 für einen Oscar nominierte Solothurner Dokumentarfilmer Christian Frei seinen neuen Coup. In «Sleepless in New York» begleitet er drei Verlassene beim Heilen ihres Herzens. Etwa eine junge Frau, die nicht darüber hinwegkommt, dass ihr Traummann ihr nie mehr Gedichte im Sonnenuntergang am Grand Canyon vorlesen wird. Oder einen Mann, der sich nicht von seiner Ex-Frau lösen kann und jeden Abend an ihrem Haus vorbeifährt.

Die Liebeskranken fand Frei dank Social Media und Flyern, die er aushängte. Eine junge Frau kontaktierte den Regisseur mitten in der Nacht. Als Frei sich per Skype mit ihr in Verbindung setzte, hatte er ein tränenüberströmtes Gesicht vor sich auf dem Bildschirm. Instinktiv klickte der Filmemacher auf die Aufnahmefunktion seines Computers. «So etwas hatte ich noch nie zuvor gemacht», sagt Frei. «Doch da war dieser unglaublich authentische Moment, den ich einfach nutzen musste.»

«Liebe ist wie eine Sucht»

Authentisch trifft es gut: Bereits der Trailer hinterlässt traurig-beklemmende Gefühle. Offen reden die Betroffenen im Film über ihren Schmerz und ihre zerbrochenen Träume. Die Frau aus der Webcam hält einen Brautstrauss in der Hand. «Ich konnte eine Zukunft mit ihm sehen», sagt sie. «Jetzt sehe ich gar nichts mehr.»

Die Filmidee entstand 2010 in New York, als Frei selber unter Herzschmerz litt: «Ich war damals sehr für das Thema des Verlassenwerdens sensibilisiert», so der Regisseur. In New York wurde er auf «Dr. Love», die Anthropologin Helen Fisher, aufmerksam, und war fasziniert: «Helen Fisher hat ein Leben lang nichts anderes gemacht, als über die Liebe zu forschen.» Im Film analysiert sie den Schmerz der Betroffenen.

«Überall auf der Welt kennen Menschen das Gefühl von Liebe. Es ist eine der stärksten Hirnstrukturen überhaupt», sagt Helen Fisher, «bis sie vorbei ist.» Dann wandle sich die Liebe in eines der quälendsten menschlichen Gefühle: «Sie schmerzt körperlich und seelisch. Es ist wie eine Sucht.»

Per MRI untersucht Fisher die Gehirnaktivitäten von Menschen mit Liebeskummer. Und erkennt, dass sowohl bei Frischverliebten als auch frisch verlassenen Menschen genau dieselben Hirnregionen aktiv sind. «Während Verliebte jedoch die schönsten Gefühle empfinden, ist es bei Verlassenen ein unendlich grosses Leiden. Es ist erstaunlich», so Christian Frei.

Ständige Erreichbarkeit verschärft Kummer

Die Wahl eines gefühlvollen Stoffs sieht Frei nicht als Bruch zu seinen bisherigen Dokumentationen. «Viele fragten mich: «Wieso ein so softes Thema? Doch Liebeskummer ist etwas vom Tiefsten, was ein Mensch in seinem Leben überhaupt empfinden kann.» Es brauche eine immense Kraft, um zu akzeptieren, dass ein geliebter Mensch mit jemand anderem glücklich werde. «Social Media machen die Sache noch viel schlimmer», so Frei, «es gibt Menschen, die geben ihr Handy dem Nachbarn, damit sie nachts nicht ständig draufstarren müssen, in der Hoffnung, eine Nachricht ihrer Liebe zu erhalten. Und dann wecken sie den Nachbarn mitten in der Nacht, weil sie es ohne nicht aushalten.»

Sein Film über Liebeskranke soll aber nicht depressiv machen: Liebeskummer setze kreative Kräfte frei, wie sonst kein anderes Gefühl. «Man muss über seinen Schatten springen und die andere Person weiterziehen lassen. Das ist wahrscheinlich die grösste Leistung im Leben eines Menschen.»

«Sleepless in New York» läuft ab dem 16. Oktober in den Schweizer Kinos.

Link 20 Minuten: Film porträtiert Liebeskranke im Big Apple

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