Falls Sie eine Frage haben, fragen Sie jemand anderes

Unsere Autorin kriegt Besuch aus dem Ausland und der Besuch stellt viele Fragen. Die Autorin nimmt sich vor, einen Touristenführer aufzusuchen.

Kürzlich bekamen wir Besuch aus Polen. Das ist an sich nichts Besonderes, denn viele Leute kriegen Besuch aus Polen. Vor allem in Polen selbst, oder wenn die Tochter in der Schweiz ein Austauschsemester macht. Dann kommt die Familie angereist, um zu sehen, ob die Tochter auch fleissig lernt und ob sich das ganze Geld, das man in ihre Ausbildung steckt, auch wirklich lohnt. Da meine Familie bereits gemerkt hatte, dass es sich nicht lohnte, konnte es sich nur um die Familie meiner Mitbewohnerin handeln. Und wäre es eine dumme Familie gewesen, wäre es ein einfacher Besuch gewesen, doch die Familie war klug und wissbegierig und der Besuch sehr anstrengend.

Da standen also die kluge Mutter und der kluge Bruder vor der Tür und wollten, dass wir sie in Bern herumführten. Dort stellten sie kluge Fragen und erwarteten kluge Antworten. Was das denn für ein pompöses Gebäude beim Viktoriaplatz sei, wollte etwa der kluge Bruder wissen. Ich hatte keine Ahnung und es war mir egal. Dass ich mehrmals täglich am Haus vorbeifuhr, sagte ich trotzdem nicht.

Smaugs Einöde

Weiter ging es dann auf dem Bundesplatz, wo wir uns das Lichtspiel anschauen wollten. Hier fragte der kluge Bruder, wer denn das Lichtspiel organisierte. Ich hatte keine Ahnung, denn auch das war mir egal. Aber nun war mir nicht mehr egal, dass er mir egal war.

Der kluge Bruder hatte aber bereits was anderes entdeckt, nämlich das Gebäude neben dem Bundesplatz, welches ich als «die Schweizerische Nationalbank» benennen konnte. Dem klugen Bruder war das aber nicht genug, denn er war wissbegierig und das heisst, man ist gierig nach Wissen. Ob denn auch wirklich das ganze Schweizer Nationalgold hier gelagert wäre, fragte er mit gierigen Augen.

Ich stellte mir einen riesigen, unterirdischen Goldschatz unter den Füssen vor, ähnlich dem aus Smaugs Einöde, und da mir das sehr realistisch erschien, murmelte ich: «Das kann schon sein.» Auch das war mir egal gewesen, doch als sich das Bundeshaus im Lichtspiel in ein immenses Schloss aus Gold verwandelte, um dann von seiner eigenen flüssigen Masse überflutet zu werden, konnte ich mir ein trockenes «da ist das Gold, nach dem du gesucht hast» nicht verkneifen.

Abflug nach Italien

Es war bereits Abend geworden und ich wollte am liebsten nach Hause zurück, und mich vor lauter Unwissen im Bett verkriechen, mit der Wärmflasche zwischen den Füssen und dem Internet im Laptop. Doch der Besuch hatte andere Pläne. Er wollte auf die Bundesterrasse, wo die dreiköpfige Bande in diverse Richtungen der Finsternis zeigte, und eine Diskussion darüber entfachte, was sich wo befand. Etwa in welche Richtung man fahren musste, um nach Italien zu gelangen.

Ans Gelände gelehnt starrte ich in das dunkle Loch unter mir und tat so, als würde ich die Aussicht geniessen. Dabei überlegte ich, wo Italien lag. Ich nahm mir vor, weniger Schminkvideos im Internet zu schauen und dafür an einer Stadtführung teilzunehmen, wo ich meine Stadt besser kennenlernen und den Touristenführer mit klugen Fragen nerven würde.

Was das für ein pompöses Gebäude auf dem Viktoriaplatz war, würde ich fragen, und was die Miete für eine 2-Zimmer-Wohnung darin kostete. Ob unter dem Bundesplatz Smaugs Goldschatz lag, würde ich fragen, und wo lang es nach Italien ging, auch wenn es zu dunkel war, um die Richtung zu erkennen. Dabei würde ich mit einem polnischen Akzent reden, nur für den Fall, dass ich den fragenden Blick des Touristenführers nicht ertragen konnte.

Reise nach Warschau

Als dann eine Woche später meine Grosseltern zu Besuch kamen, und mein Grossvater wissen wollte, weshalb die Tankstelle neben meiner Wohnung mit «Opel» angeschrieben war, und ob es da auch Autos zu kaufen gab, konnte er mein genervtes «lasst mich doch endlich mal mit der Fragerei in Ruhe!» nicht verstehen.

Allerdings freue ich mich, dass ich für nächsten Sommer eine Einladung nach Warschau erhalten habe. Die kluge Familie muss mich zwar für ein wenig beschränkt halten, aber auch das ist mir ziemlich egal. Bei all den Fragen, die ich zu Warschau habe, wird mir bestimmt nicht langweilig werden.

Auflösung

Für alle, denen es nicht egal ist:

1. Beim grossen Gebäude am Vikoriaplatz handelt es sich um den Hauptsitz des Elektrizitätswerks BKW.
2. Das Lichtspiel am Bundesplatz wird von einer Unternehmung namens «Starlight Events» lanciert.
3. Die SNB verfügt über 1040 Tonnen Gold, wovon sich ein Teil im hauseigenen Tresor befindet. Der Rest ist im In- und Ausland gelagert. Zu der genauen Aufteilung schweigt die Bank.
4. Wenn man von der Bundesterrasse aus einigermassen geradeaus schaut, sollte man nach Süden blicken. Dort liegt Italien.
5. Keine Ahnung warum die Tankstelle mit Opel angeschrieben ist. Und nein, ich werde auch nicht dorthin gehen und fragen. Irgendwann ist genug.

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